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Estau – Hunter und Leyla

Spielgruppe Hunter und Leyla

Dieses Thema enthält 324 Antworten und 2 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Leyla .

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  • #1527

    Hunter
    Teilnehmer

    Ferdinand war stinksauer. Wieder hatte ihn Silvia, die sich offensichtlich für etwas besseres hielt, abblitzen lassen. Immer wenn sie ihn sah, machte sie einen möglichst großen Bogen, war sie mit anderen zusammen, war er sicher, dass sie über ihn tuschelten. Das hatte angefangen, nachdem er sie zum ersten mal gefragt hatte, ob sie nicht mit ihm einen Kaffee trinken wolle, trotzdem hatte er es immer wieder probiert. So auch heute, aber diesmal hatte sie so krass reagiert, wie noch nie zuvor. Hatte ihm vorgeworfen, dass er psychisch krank sei. Er! Hatte ihm gesagt, dass sie bald mit einem Arzt sprechen würde, wenn er sie nicht endlich in Ruhe lassen würde und dann hatte er sie beobachtet, wie sie mit dem jungen Arzt sprach. Seine Hände zitterten unkontrolliert in seinen Kitteltaschen. Er hatte sich schon aus dem Arzneimittelschrank ein Beruhigungsmittel geholt, diesmal hatte es aber nicht geholfen, zumal er sich nicht getraut hatte, mehr zu nehmen. Sie hatten Striche an die Flaschen gemacht, also was gemerkt. Er wurde immer wütender, musste dringend Dampf ablassen. Zu blöd, dass sie das junge Mädchen mit dem log in Syndrom gestern verlegt hatten. So lange sie hier gewesen war, wusste er wo er Dampf ablassen konnte, ohne dass ihn jemand belangen konnte. Und jetzt? Er stöhnte leise auf und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Da hörte er eine Stimme, die seinen Namen rief. Schwester Kerstin, das hatte ihm zu seinem Glück noch gefehlt, sie konnte ihn nicht leiden. Von Anfang an nicht. »Ferdinand, hörst du nicht?«
    Er riss sich zusammen, setze sein Maskenhaftes Lächeln auf, von dem er dachte, dass es jeden täuschen konnte, worin er sich täuschte und drehte sich um.
    »Ja, Schwester Kerstin?«
    »Oberschwester bitte!«
    »Ja, Oberschwester Kerstin?«
    »Geh in den Raum 3D dort liegt eine neue Patientin. Sie ist nicht ansprechbar, ein bisschen kennst du dich ja mit solchen Fällen aus, wie ich weiß. Schau, ob sie irgendetwas benötigt und danach gehst du noch zu 3K und wechselst den Verband, danach meldest du dich wieder bei mir.«
    »Ja, Oberschwester Kerstin.«
    Neue Patientin, nicht ansprechbar, das hörte sich doch vielversprechend an. Leise öffnete Ferdinand die Tür zu Raum 3D.

    ~~

    »Hey Bruder, ich freue mich auch, dich zu sehen. Was machst du denn für Sachen?« Mick hatte offensichtlich keinen Plan, wie es ihm wirklich ging oder gegangen war. Ich überlegte kurz, ob ich ihm die Angelegenheit mit Gerda erzählen sollte, lies es dann aber bleiben. Er da so mitgenommen aus, noch mehr Stress wäre bestimmt nicht hilfreich. Kurz brachte ich ihn auf den neusten Stand und sagte ihm zu, dass ich noch bei Ley vorbeischauen wollte, mich aber zunächst vergewissern, wie es ihm ginge. Als ich sah, dass seine Augen fast wieder zufielen, verabschiedete ich mich, versprach aber, baldmöglichst wieder vorbei zu kommen. Auf dem Gang fiel mir ein, dass ich nicht so genau wusste, wo Ley untergebracht war, ich ging also zum Schwesternzimmer, um dort nachzufragen.

    #1528

    Leyla
    Keymaster

    Irgendetwas an diesem Besucher war anders. Es dauerte ein wenig, bis das in Leylas abgeschottetem Bewusstsein ankam. Zunächst berührte er sie an der Schulter und rüttelte leicht daran. Das kannte sie schon, das hatten die anderen Besucher auch getan, nur um kurz darauf zu verschwinden, als sie nicht darauf reagierte. Dieses Mal aber ließ die Hand danach nicht los, sie wanderte weiter, erst zu ihrer Brust, dann weiter nach unten. Ihr inneres Alarmsystem schlug an. Eine drohende Gefahr abzuwehren war jetzt wichtiger, als die Welt aus ihrem Bewusstsein auszusperren, um sich vor weiteren Tiefschlägen zu bewahren. Langsam, aber sicher wurde die Mauer zwischen ihr und der Welt dünner. Irgendwo tief in ihr drinnen schrie es: „Niemand wird mir so etwas je wieder antun. Das lasse ich nicht zu.“ Mit einem Mal war sie wieder da. Sie schlug die Hand weg, die schon fast zwischen ihren Beinen angekommen war, riss die Augen auf und schrie, so laut sie in ihrem angeschlagenen Zustand konnte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis der Kerl reagierte und ihr die Hand auf den Mund presste. Leyla biss mit aller Kraft zu. Dieses Arschloch stöhnte auf und ließ für einen Moment locker. Leyla schlug die Hand weg und schrie erneut. Damit reizte sie ihn so sehr, dass er alle Vorsicht fallen ließ. Wenn man sie gehört hatte, war es ohnehin vorbei, also spielte es keine Rolle mehr. Dann war alles zu Ende und dieses Miststück war schuld daran. Wütend schlug er ihr mit voller Wucht ins Gesicht. Dann legte er die Hände um ihren Hals und drückte zu. Leyla versuchte sich zu wehren. Sie griff nach seinen Armen, bohrte die Fingernägel in seine Haut, aber er ließ nicht locker. Sein Blick war völlig irre, als er den Druck noch etwas erhöhte. Leyla tastete um sich, bekam eine Wasserflasche auf ihrem Nachttisch zu fassen und schlug sie ihm auf den Kopf. Er zuckte zusammen und ließ im ersten Schreckmoment los. Leyla nahm all ihre Kraft zusammen und stieß ihn weg. Sie war zwar noch schwach und angeschlagen, aber die Angst und das Adrenalin mobilisierten alle Ressourcen, die sie noch hatte. Er stürzte. Sie sprang auf und stolperte auf die rettende Tür zu. Ein weiteres Mal schrie sie. Ihr Angreifer kam wieder auf die Beine. Leyla griff nach der Klinke und er griff nach ihrem Arm …

    #1531

    Hunter
    Teilnehmer

    Ferdinand hatte jetzt fast die Kontrolle über sich verloren. Wie durch einen Tunnel sah er dieses Miststück, das er total unterschätzt hatte. Ein kleiner Rest seines Verstandes sagte ihm, dass er lieber stoppen sollte, aber seine unkontrollierbare Wut und sein Verlangen, dieser Frau weh zu tun, waren größer. Seine Hand pochte, trotzdem griff er zu und zog sie mit einem Ruck von der Tür weg, sie stolperte. Dass ihm Schaum aus den Mundwinkeln floss, nahm er nicht zur Kenntnis, er wollte einfach nur noch, dass der Vulkan in ihm ganz explodierte und er sich wieder befreit fühlen würde. Zumindest für eine Weile. Während die Frau versuchte, sich zu halten und sich ihm wütend entgegenstellte, griff er in seine Jackentasche und holte die vorbereitete Spritze hervor. »Du Miststück!«, zischte er. Heiser vor Wut, er war so auf sie fixiert, dass er nicht hörte, wie sich die Tür hinter ihm wieder öffnete.

    ~~

    Noch auf dem Weg zum Schwesternzimmer hörte ich am Ende des Gangs einen gedämpften Schrei, ich sah, wie die Klinke vom Zimmer sich bewegte, aber es kam niemand heraus. Schreie in Krankenhäusern sind ja nicht all zu selten, aber irgendetwas in mir war geweckt. Ich war innerhalb von Sekunden von Null auf Hundert und unterwegs. Mein Instinkt sagte mir, dass ich mich beeilen musste. Hinter mir kam Kerstin aus dem Zimmer gestürmt.
    »Hunter, was ist los?«
    Ich legte noch einen Zahn zu.
    »Hunter?«
    Ihr Schritte wurden schneller.
    Endlich hatte ich die Tür erreicht, die ich im Auge behalten hatte. Ich riss sie auf. Ein Mann stand mit dem Rücken zu mir und hob gerade einen Arm, um der Frau vor ihm eine Spritze zu verabreichen. Das wäre an für sich nichts merkwürdiges in einem Krankenhaus, wenn die Frau nicht von ihm mit Gewalt festgehalten werden würde, wenn sie sich nicht offensichtlich wehren würde und wenn es nicht Ley wäre. Ich war mit einem Satz im Zimmer und stoppte unsanft seinen Arm, der mit einem lauten Krachen brach.

    #1532

    Leyla
    Keymaster

    Verdammt, beinahe hätte sie es geschafft, aber dieser Dreckskerl zog sie von der Tür zurück. Leyla versuchte immer wieder, sich loszureißen, nach ihm zu schlagen und zu treten, aber ihre Kräfte ließen nach. Sie kämpfte nicht nur gegen ihren Angreifer, sondern auch gegen den aufkommenden Schwindel an. Wenn sie jetzt zusammenklappte, war sie ihm hilflos ausgeliefert. Warum kam keiner? Hatte niemand ihre Schreie gehört? Lange würde sie nicht mehr durchhalten. Offensichtlich wollte er aber nicht warten, bis sie zusammenklappte. Sie sah die Spritze und versuchte verzweifelt, sich loszureißen, aber er hielt sie viel zu fest. Die Hand mit der Spritze kam immer näher. Plötzlich ging die Tür auf. Es krachte laut, der Kerl ließ die Spritze fallen und schrie auf. Er ließ sie los. Leyla verlor das Gleichgewicht und prallte gegen die Wand hinter sich. Es dauerte einige Sekunden, bis sie realisierte, dass sie gerettet war. Wer auch immer dieser Kerl war, er hatte gerade noch Schlimmeres verhindert. Da sie ihn nach ihrem Unfall auf Nauru nicht gesehen hatte, wusste sie nicht, wer ihr Retter war, aber sie fühlte sich trotzdem sofort sicherer. Ihr Blick fiel auf das miese Stück Dreck, das vor Schmerzen wimmerte. Sie nahm noch einmal all ihre Kraft zusammen, ging einen Schritt auf ihn zu und rammte ihm ein Knie zwischen die Beine. Zu sehen, wie er sich krümmte, verschaffte ihr zumindest etwas Genugtuung.
    „Perverses Schwein“, schrie sie ihn an und trat noch einmal zu, geriet dabei aber ins Schwanken und konnte sich gerade noch an ihrem Retter festhalten, sonst wäre sie zu Boden gegangen. Sie fing sich wieder, ließ los und stolperte die paar Schritte zum Bett.
    Das Adrenalin flachte ab, Leyla begann heftig zu zittern und wurde leichenblass. Irgendjemand sprach sie an, aber sie wollte nichts hören und nichts sagen. Sie zog die Knie eng an sich, umschlang sie mit den Beinen und kauerte sich ganz klein zusammen. Erneut sprach man sie an.
    „Lasst mich!“ Sie schluchzte. Tränen rannen in Bächen ihre Wangen hinab. Wozu hatte sie überhaupt gekämpft? Welchen Sinn hatte das alles noch? Sie hatte ihren einzigen Halt verloren, zumindest glaubte sie das. Dass Mick noch lebte, war noch nicht zu ihr hindurchgedrungen.
    Warum ließ man sie nicht endlich allein?
    „Lasst mich!“, wiederholte sie. „Ich kann nicht mehr, ich will auch nicht mehr, lasst mich einfach alle in Ruhe.“
    Die pure Verzweiflung sprach aus ihren Worten, sie war am Ende und wünschte sich nur, dass ihr geschwächter Körper endlich ganz zusammenbrach.

    ***

    Mick war in einen leichten Halbschlaf gefallen, wachte aber auf, als er jemanden schreien hörte, nur gedämpft zwar, aber es erreichte ihn trotzdem. Leylas Name schoss ihm in den Kopf. Er erkannte zwar nicht, dass sie es war, hatte aber das ungute Gefühl, dass sie in Gefahr war. Er wollte aufstehen, aber er hatte immer noch eine Infusion im Arm. Nun gut, bestimmt hatte sie jemand gehört und würde ihr helfen. Aber was wenn nicht? Er musste zu ihr, egal wie. Mit einem Ruck zog er sich die Infusionsnadel aus dem Arm, sprang auf und stöhnte schmerzerfüllt. Sein verletztes Bein protestierte, aber das war egal. Mick humpelte zur Tür und aus seinem Zimmer. Da man ihm bislang keine Krücken gegeben hatte und er sein verletztes Bein nicht richtig belasten konnte, kam er nur langsam voran. Am Ende des Gangs stand eine Tür offen. Als er von dort eine Frauenstimme „perverses Schwein“ rufen hörte, war er sich absolut sicher, dass es Leyla war. Er wollte losrennen, stattdessen musste er erneut inne halten, weil eine Schmerzwelle durch sein Bein schoss. Er biss die Zähne zusammen und humpelte weiter.
    Endlich hatte er das Zimmer erreicht. Was zur Hölle war hier los? Ein Typ in Pflegerkleidung krümmte sich vor Schmerzen. Er sah zu Hunter.
    „Bruder?“
    Als sie seine Stimme hörte, schreckte Leyla hoch und sah ihn aus roten, verquollenen Augen an. Im ersten Moment wurde sie noch bleicher. Hatte sie Halluzinationen? Sah sie Gespenster? Sie konnte noch nicht glauben, dass es wirklich Mick war, leibhaftig aus Fleisch und Blut und am Leben.
    „Ley, beruhige dich, ich bin da. Was immer hier passiert ist, es ist vorbei.“
    Erst als er bei ihrem Bett angekommen war, sich zu ihr setzte und sie in seine Arme zog, begriff sie, dass er wirklich echt war. Gespenster konnten einen nicht umarmen.
    „Mick! Du lebst … Gott sei Dank, du lebst!“ Sie weinte immer noch, jetzt aber vor Erleichterung.
    Mick sah sie irritiert an. „Natürlich lebe ich. Was ist denn los?“
    „Ich dachte du wärst …“ Sie hielt einen Moment inne und sammelte sich. „Du hattest hohes Fieber, die Wunde hatte sich entzündet, der Arzt hat mich rausgeschickt und gesagt dein Zustand ist kritisch. Ich konnte nicht zu dir, mir hat ewig keiner gesagt, wie es dir geht, es war schrecklich. Irgendwann hab ich Kippen bei ner Schwester geschnorrt und bin raus auf den Balkon im Besucherbereich. Daneben ist auch jemand raus, hab ihn nicht gesehen, nur gehört. Er hat zu irgendjemandem gesagt, dass er noch der Verlobten von nem Patienten beibringen muss, dass sie ihn verloren haben. Ich dachte er redet von dir, es war als würde jemand mein Herz durchbohren.“ Sie schluchzte heftig und drückte ihn für einen Moment fest an sich. „Ich hätte es nicht ertragen, dich zu verlieren. Ich bin so froh, dass du lebst.“ Sie sah immer noch sehr mitgenommen aus, aber sie hatte sich wieder gefangen und wirkte für einen Moment sogar glücklich – bis ihr Blick auf den Pfleger fiel. Sie brach zwar nicht wieder zusammen, aber ihre Gesichtszüge verdüsterten sich.
    „Ley? Was ist passiert? Magst du es mir sagen?“
    Sie nickte zögernd. „Dieses perverse Schwein hat mich angegrabscht. Dachte wohl, ich krieg’s nicht mit. Da war irgendwie … wie ne Mauer zwischen mir und allem. Aber als ich gemerkt hab, was er vorhat, war ich plötzlich wieder da. Hab seine Hand weggeschlagen und geschrien. Zugebissen, als er mir den Mund zugehalten hat. Da ist er völlig ausgetickt, hat mich geschlagen, gewürgt, wollte mir irgendwas spritzen … Aber das alles ist völlig unwichtig im Moment. Ich bin so froh dich zu sehen!“
    Die Freude darüber, dass er noch lebte, verdrängte den Schreck der letzten Minuten. Wäre Mick wirklich tot gewesen, hätte sie es nicht überlebt, da war sie sicher.

    #1533

    Hunter
    Teilnehmer

    Ich sah meinen Bruder mit Ley und hielt den jammernden Kerl fest im Griff. Kerstin war in den Hintergrund gewichen, als Mick um die Ecke gestürmt kam. Geistesgegenwärtig hab sie mir nun einen dicken Verband, mit dem ich das Schwein fesselte. Die Spritze, die ihm aus der Hand gefallen war während des Handgemenges nahm ich an mich und sah, dass es ein starkes Betäubungsmittel war. Bevor er realisieren konnte, was passierte, rammte ich ihm die Spritze in den Oberschenkel und drückte den Kolben herunter. Seine Augen waren riesig, ihm entrang ein Stöhnen, viel mehr ging nicht, da ich ihn auch geknebelt hatte, und innerhalb kürzester Zeit sackte er zusammen.
    Das alles passierte so schnell, dass die beiden Turteltauben es gar nicht mitbekamen. Gut so. Sie hatten genug Stress hinter sich. Ich bat Kerstin, mir einen Rollstuhl zu besorgen und als sie wiederkam setzte ich den schlafenden Pfleger rein, nahm mir eine Decke und buxierte ihn aus dem Krankenhaus. Kerstin zog zwar fragend die Augenbrauen hoch als ich ging, hielt aber den Mund.

    Endlich hatte ich ihn im Auto, der Kerl war schwerer, als ich erst vermutet hatte. Ich überlegte kurz wohin, als mir die letzte Bildnachricht wieder einfiel. Obwohl ich sicher war, dass er mich im Kofferraum nicht hören konnte sagte ich laut: »Wir machen jetzt einen kleinen Ausflug, das wird dir gefallen.« Dann startete ich den Motor und fuhr los.

    #1534

    Leyla
    Keymaster

    Kerstin behielt den Gang im Auge, während Hunter sich mit dem bewusstlosen Ferdinand auf den Weg nach draußen machte. Gut, keine Schwester, kein Arzt und auch keine Patienten unterwegs. Unten an der Pforte war um diese Zeit noch niemand, das wusste sie. Der Dienst dort würde erst in einer halben Stunde beginnen, bis dahin gab es nur eine Nachtklingel für Notfälle. Durch die Tür kam man nachts zwar raus, aber nicht rein. Es war also sehr wahrscheinlich, dass Hunter unbemerkt nach draußen gekommen war.
    Sie schloss die Tür von innen und sah zu Mick und Leyla. Das Mädel schien sich wieder halbwegs beruhigt zu werden, das war gut. Weniger gut war, dass der Kampf zwischen ihr und Ferdinand sichtbare Spuren hinterlassen hatte. Die Würgemale an ihrem Hals und die durch den Schlag verursachte Schwellung in ihrem Gesicht waren schwer zu übersehen. Spätestens wenn der Arzt kam, würden sie erklären müssen, woher diese Verletzungen stammten. Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende geführt, klopfte es auch schon. Der diensthabende Arzt machte immer direkt nach Schichtbeginn einen Rundgang bei seinen Patienten, ganz besonders wenn zuvor Dr. Meier Dienst gehabt hatte. Er hielt nur wenig von seinem jungen Kollegen, der den Job eigentlich nur hatte, weil er der Sohn des Klinikleiters war. Fachlich gab es nicht allzu viel auszusetzen, er hatte schon so manchen kritischen Notfall durchgebracht, aber er war ziemlich nachlässig, wenn es um die Nachsorge ging. Daher wollte Dr. Kohler sich lieber vergewissern, dass es auch wirklich allen gut ging.
    Kerstin hatte kaum genug Zeit sich zu überlegen, was sie sagen sollte, da stand der Arzt auch schon im Zimmer und erfasste mit einem Blick, dass hier etwas absolut nicht stimmte. Das sah man ihm auch deutlich an.
    „Ich wollte Sie gerade holen“, log Kerstin souverän.
    „Was ist hier los?“
    „Die Patientin war bis vorhin noch nicht ansprechbar. Ich habe Ferdinand zu ihr geschickt, damit er nachschaut, ob sie irgendetwas benötigt. Immerhin kennt er sich ja mit solchen Fällen aus. Plötzlich habe ich sie schreien gehört und bin hin um nachzusehen. Kaum hatte ich die Tür aufgemacht, ist er auch schon an mir vorbeigestürmt. Ich war völlig perplex, sonst wäre ich ihm nachgerannt. Als ich die Situation erfasst habe, war er schon weg. Da es keinen Sinn mehr hatte, ihm zu folgen, habe ich mich erst einmal um die Patientin gekümmert, sie ein wenig beruhigt.“
    Der Arzt seufzte tief und rieb sich die Schläfen. „Und wer ist der junge Mann? Wie kommt er hierher?“
    „Das ist ihr Verlobter. Er hat sie auch gehört, liegt eigentlich in 3K.“
    Hätte Dr. Kohler Leylas Schrei selbst gehört, wäre er früher hier aufgekreuzt, das wusste Kerstin. Er studierte nach Dienstbeginn immer erst die Aufzeichnungen aus der vergangenen Schicht und das Büro war weit genug von Leylas Zimmer weg, dass er sie dort vermutlich nicht gehört hatte. Somit war sie ziemlich sicher, dass er ihre Geschichte schlucken würde und das tat er auch. Er fasste Kerstin leicht am Arm und nahm sie ein Stück zur Seite.
    „Konnten Sie schon in Erfahrung bringen, was genau passiert ist? Das arme Mädel wirkt ziemlich aufgelöst, ich würde meine Fragen an sie daher gerne auf das Nötigste beschränken und wenn sie schon etwas erzählt hat, müssen wir sie ja nicht unbedingt zwingen, das noch mal zu tun.“
    Kerstin nickte. „Sie sagt er hat sie angefasst, weil er dachte sie merkt nichts. Irgendwie hat sie das aber wohl aus ihrer Starre zurückgeholt und sie hat geschrien und sich gewehrt. Daraufhin ist er ausgerastet und hat sie geschlagen und gewürgt. Als ich reinkam, wollte er ihr gerade ein Betäubungsmittel spritzen, um sie ruhig zu stellen. Dazu kam er aber nicht mehr. Zum Glück.“
    „Danke.“
    Er ging zu Leyla und sprach sie behutsam an. „Ich würde Sie gerne kurz untersuchen, ist das okay?“
    Als sie zustimmte, begutachtete er die Spuren an ihrem Hals und in ihrem Gesicht, überprüfte Blutdruck und Puls und bot ihr ein Beruhigungsmittel an, das sie aber ablehnte. Seit Mick da war, ging es ihr schon viel besser und sie wollte sich nicht Medikamenten vollpumpen lassen.
    „Ich würde vorschlagen, ich bringe Sie beide in 3K unter, hier werden Sie ja wohl kaum bleiben nach allem, was geschehen ist. Es tut mir leid, dass Ihnen so etwas widerfahren ist, das hätte nicht passieren dürfen. Kerstin, Sie helfen mir bitte, die beiden rüber zu begleiten.“
    Im Zimmer 3K angekommen, gab er Kerstin die Anweisung, bei der Polizei anzurufen, um sie von den Geschehnissen in Kenntnis zu setzen, während er selbst sich Micks Wunde ansehen und versorgen und auch ihn durchchecken wollte.
    Kerstin nickte, ging zum Schwesternzimmer und griff nach ihrem Handy. Statt der Nummer der Polizei wählte sie aber zunächst die von Hunter, um ihn in Kenntnis zu setzen, was passiert war, seit er mit Ferdinand verschwunden war. Hoffentlich passte das alles so, wie sie es geregelt hatte. Wirklich viel Zeit sich einen brauchbaren Plan auszudenken hatte sie ja nicht gehabt.

    Leyla schwieg die ganze Zeit über, außer wenn der Arzt ihr Fragen zu ihrem Befinden stellte und auch Mick hielt die Klappe und ließ Kerstin einfach machen. In seinen Augen machte sie das schon ganz gut. Wenn er nicht gewusst hätte, dass ihre Geschichte nicht ganz der Wahrheit entsprach, hätte er ihr alles sofort geglaubt. Was genau abgelaufen war, während er sich um Ley gekümmert hatte, wusste er zwar nicht. Dazu hatte er sich viel zu sehr darauf konzentriert, sie zu beruhigen. Aber er konnte 1+1 zusammenzählen. Hunter war weg, Kerstin erwähnte ihn mit keinem Wort und auch der Pfleger war verschwunden. Es war naheliegend, dass er nicht geflohen war. Als Mick hereingeplatzt war, hatte Hunter ihn fest im Griff gehabt. Es wäre dem Pfleger niemals gelungen abzuhauen. Er war sich sicher, dass sein Bruder so ein Schwein nicht einfach davonkommen lassen würde.
    Mick war froh, als der Arzt seine Wunde versorgt und durchgecheckt hatte und er endlich mit Leyla alleine war. Er hatte immer noch Fieber und war geschwächt, war aber nicht mehr ernsthaft in Gefahr, sofern er sich schonen und sich Ruhe gönnen würde. Das war doch eine schöne Nachricht. Noch schöner war, dass Leyla den Angriff dieses Schweins ganz gut wegzustecken schien. Sie saß an seiner Bettkante, er hielt sie im Arm und streichelte ihr sanft durchs Haar. Vorsichtig versuchte er herauszufinden, was sie von Kerstins Lüge hielt.
    „Eigentlich hätte ich dir meinen Bruder ja gerne anders vorgestellt.“
    „Ach das war Hunter?“ Dass Mick ihn vorhin mit „Bruder“ angesprochen hatte, war gar nicht zu ihr durchgedrungen. „Oder besser gesagt er war es nicht, er war ja gar nicht da.“ Sie zwinkerte.
    „Kluges Mädchen. Ist besser so, verstehst du das?“
    Sie nickte. „Ich denke schon. Muss ja nicht sein, dass er Ärger bekommt, weil er vielleicht etwas brutaler war als nötig bei diesem Kerl.“
    „Ja, genau das.“ Mick beließ es dabei. Er war sicher, dass sie ebenso wenig mitbekommen hatte, was weiter zwischen Hunter und dem Pfleger abgelaufen war wie er selbst. Was weiter ablaufen würde, konnte er sich denken. Sehr wahrscheinlich würde dieser Kerl noch bitter bereuen, dass er sich an Ley vergriffen hatte. Das würde Mick ihr zwar gerne sagen, da er wusste, dass ihr dieser Gedanke gefallen und auch ein Stück weit helfen würde. Aber das musste er mit Hunter absprechen, es war nicht Micks Entscheidung, wie viel Leyla wissen durfte.

    #1536

    Hunter
    Teilnehmer

    Während ich fuhr, rief Kerstin mich an und brachte mich auf den neusten Stand. Ich wusste, auf sie war Verlass. Ein kurzes Bedauern durchzog meine Gedanken, dass es mit uns nicht gepasst hatte, dann war es auch schon wieder verschwunden.

    Ich musste dringend nach Hause und Paulina etwas fragen. Seit der letzten Bildnachricht hatte ich überlegt, ob ich sie damit belasten konnte, aber sie war eine starke Persönlichkeit und wäre mit Sicherheit stinksauer, wenn sie hinterher erfahren würde, was los war. Außerdem brauchte ich ihre Hilfe.

    Endlich war ich angekommen, die Fahrt war mir diesmal endlos lang vorgekommen. Wahrscheinlich war sie nicht länger als sonst gewesen, aber ich hatte das dringende Gefühl, dass mir die Zeit für und bei Gerda davon lief.

    Ich schnappte mir das schlafende Bündel und trug es ins Haus. Der Kerl stank erbärmlich. Egal, bald würde er es nicht mehr tun. Wie gut, dass ich wieder mehr trainiert hatte, er war nicht gerade leicht. Genervt brachte ich ihn in einen der Räume unter dem Swimmingpool. Inzwischen hatte ich mir etwas schönes für ihn einfallen lassen, aber das müsste warten. Ich wollte die Wurpir bei ihm ausprobieren. Eine neue Züchtung von einem Bekannten aus dem Darknet, die er mir vor einiger Zeit verkauft hatte. Wenn die so wären, wie er sie angepriesen hatte, würde ich schwarz sehen für all diejenigen, die damit Bekanntschaft machen würden. Bisher waren sie tiefgefroren in meinem Kellerverlies, bald schon würde ich sehen, ob sie hielten, was sie versprachen. Erstmal musste ich jedoch mit Paulina sprechen.

    #1538

    Leyla
    Keymaster

    Es dauerte nicht lange, bis Mick eingeschlafen war. Das war gut, er hatte die Ruhe wirklich nötig, ebenso wie Leyla. Also legte sie sich in ihr Bett und schloss die Augen. Doch wann immer sie kurz davor war einzuschlafen, schreckte sie hoch. Wenn sie näherkommende Schritte im Gang hörte, war sie sofort in Alarmbereitschaft. Oder sie hatte plötzlich Angst, Mick könnte etwas passiert sein und sie musste sich vergewissern, dass es ihm gut ging, er wirklich atmete, nicht wieder so stark fieberte wie vorhin. Leyla hasste es, sich so unsicher zu fühlen. Hoffentlich ging es Mick bald besser, sodass sie aus diesem Krankenhaus verschwinden konnten. Das war im Moment so ziemlich der letzte Ort, an dem sie sein wollte.
    Irgendwann gab sie es auf, schlafen zu wollen, stand ganz leise auf, sah kurz nach Mick, der friedlich schlief und verließ das Zimmer, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Sie ging auf den Besucherbalkon und atmete einige Male tief durch. Dann griff sie nach ihrem Handy und tippte eine kurze SMS an Nele:
    >Bist du zufällig wach?<
    Sie rechnete nicht mit einer Antwort, immerhin war es noch früh am Morgen. Wenige Minuten später kam aber bereits die Antwort: >Bin wach, alles ok?<
    Leyla rief ihr an und erzählte in stark verkürzter Form, was seit ihrer Ankunft in der Klinik vorgefallen war, angefangen bei Micks stark verschlechtertem Zustand über das Missverständnis, ihren Zusammenbruch und den Übergriff durch den Pfleger.
    Nele schluckte und überlegte einen Moment. „Ich wecke Max, wir kommen in die Klinik.“
    „Das ist wirklich nicht nötig.“
    „Ist es wohl. Bis gleich, wir kommen so schnell es geht, ich lass dich jetzt nicht allein.“

    Wenig später stand Nele mit einem Kaffee an Max‘ Bett und rüttelte ihn sanft wach. Als er hörte, was alles passiert war, wurde er richtig sauer. Warum hatte überhaupt Dr. Meier Dienst gehabt? Im Plan hatte Dr. Herder gestanden, auf den Max große Stücke hielt. Wahrscheinlich hatten die beiden mal wieder den Dienst getauscht und es nicht im Plan eingetragen. Wenn er das gewusst hätte, wäre er lieber selbst geblieben und hätte eine Nachtschicht eingelegt. Es war ein offenes Geheimnis. dass Dr. Meier sich während des Dienstes gerne mal mit Schwester Silvia irgendwo hin verdrückte und dass beide dabei auch mal ihre Pflichten vernachlässigten. Seit die Klinik eine neue Leitung hatte, wurde es immer schlimmer. Früher hatte man in diesem Krankenhaus Jobs noch nach Qualifikation vergeben, inzwischen setzte man ihnen ständig Leute vor die Nase, die nicht unbedingt die professionell-fürsorgliche Haltung mitbrachten, die man Max‘ Meinung nach in diesem Beruf haben sollte. Es gab eine ganze Liste von Leuten, die sich mehr erlauben durften als andere. Dr. Meier – der Sohn des Klinikleiters. Schwester Silvia – die Tochter von dessen Geliebter. Ferdinand – sein Neffe.
    Wie oft hatte Max schon angesprochen, dass er die Personalpolitik für bedenklich hielt und sie irgendwann zu Lasten der Patienten gehen würde? Aber keiner wollte es hören. Dass er bei Ferdinand ein ungutes Gefühl hatte, war nichts Handfestes, das konnte er ja gerade noch verstehen. Offensichtlich hatte ihn dieses Gefühl aber nicht getäuscht. Er machte sich Vorwürfe, dass er nicht selbst in der Klinik geblieben war. Zum ersten Mal seit sie sich wiedergefunden hatten, war es Nele, die ihn beschwichtigte und nicht umgekehrt. Sie hatte ja recht, als er gegangen war, hatte Mick den Umständen entsprechend fit gewirkt, er hatte nicht damit rechnen müssen, dass sich sein Zustand vorübergehend so stark verschlechtern würde. Trotzdem fühlte er sich verpflichtet, seinen Teil dazu beizutragen, das irgendwie wieder in Ordnung zu bringen. Auf der Fahrt zum Krankenhaus kam ihm eine Idee. Dort angekommen ging er sofort auf Dr. Kohler zu und erkundigte sich nach dem Zustand von Mick und Leyla. Beide bedurften noch der ärztlichen Überwachung, das war ihm klar. Die entscheidende Frage war aber, ob diese unbedingt hier im Krankenhaus stattfinden musste. Max wusste, dass man mit seinem Kollegen reden konnte. Dieser verstand auch schnell, worauf Max hinauswollte.
    „Sie sehen krank aus. Ich schicke Sie am besten nach Hause und schreibe Sie ein paar Tage krank. Unverantwortlich, sie so an die Patienten zu lassen, Sie stecken nur jemanden an.“ Dr. Kohler zwinkerte. „Ernsthaft, rein auf die körperliche Symptomatik bezogen wäre es wohl das Beste, die beiden würden hier im Krankenhaus bleiben. Es ist steriler, es ist eine intensivere medizinische Betreuung möglich. Aber der junge Mann ist aus dem Gröbsten heraus, und Verbände wechseln und die Wunde säubern können sie auch daheim. Was das Mädel angeht, denke ich sie braucht vor allem ein sicheres Umfeld, in dem sie innerlich zur Ruhe kommen kann. Theoretisch wäre es sicherer, sie hier zu beobachten, aber nach den Vorfällen heute Nacht glaube ich eher, dieses Krankenhaus macht sie kränker als alles andere. Sie wissen, dass ich sehr viel davon halte, die psychischen Faktoren mit einzubeziehen, und die gleichen das etwas höhere Risiko einer Betreuung zuhause meiner Meinung nach aus. Also halte ich die Idee, dass sie sich privat um Ihre Freunde kümmern für ganz ausgezeichnet. Freilich würde man Ihnen dafür nicht freigeben, aber das regle ich schon.“
    Wenigstens ein vernünftiger Mensch in diesem Irrenhaus von Klinik!
    Max unterbreitete zuerst Leyla seinen Vorschlag, die mit Nele im Besucherraum saß und an einem Snickers herumkaute. Nele hatte darauf bestanden, dass sie den Schokoriegel herunterwürgte. Max konnte sehen, dass ihr eine riesige Last von den Schultern fiel, als er vorschlug, vorerst ebenfalls im Gästehaus unterzukommen, sodass im Notfall rund um die Uhr ein Arzt in der Nähe wäre. Das war ihr tausend Mal lieber als in diesem Krankenhaus zu bleiben. Nachdem sie mit Max gesprochen hatte, sah sie leise nach, ob Mick noch schlief. Wecken würde sie ihn nicht, aber sie war insgeheim froh, dass er gerade wieder wach wurde und Max somit sofort mit ihm reden konnte.
    „Großartige Idee! Danke, Kumpel. Dir vertraue ich, was ich von dem restlichen Laden hier nicht gerade behaupten kann, abgesehen von Kerstin.“
    Kurz darauf unterschrieb Leyla einmal mehr dafür, dass sie sich auf eigene Verantwortung aus einem Krankenhaus entließ, nur dass sie dieses Mal nicht alleine ging.

    #1654

    Hunter
    Teilnehmer

    Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass der Kerl auf der Pritsche gut angekettet war und keinen Mist machen konnte, ging ich hoch in die Wohnräume, nahm eine kurze Dusche und spülte meine Müdigkeit davon. Inzwischen merkte ich die durch diskutierte Nacht und den Stress danach durchaus, das Adrenalin flaute ab. Egal, ich griff mir einen Energieriegel und machte mich auf die Suche nach Paulina.

    Sie saß im Garten, las in einem Buch und Nico spielte gedankenverloren neben ihr.
    »Wo ist Marie?«
    »Ich habe ihr etwas gegeben, damit sie mal ganz zur Ruhe kommt, das arme Mädchen. Sie schläft inzwischen tief und fest und das braucht sie auch.«
    »Paulina, du musst mir helfen und stark sein.«
    Bei meinen Worten hatte sie aufgemerkt und schaut mir nun aufmerksam in die Augen.
    »Was ist los, Christopher? Irgendwas bedrückt dich.«
    »Paulina, ich weiss es ehrlich gesagt nicht genau.« Ich seufzte und setze mich direkt auf den Rasen neben sie.
    Dann holte ich tief Luft und erzählte ihr von den merkwürdigen Fotos und Nachrichten. Sie wurde erst bleich und dann ziemlich rot. Ihre Augen verengten sich vor Wut.
    »Was hat das …«, sie stockte und schaute zu Nico, » … was hat der mit Gerda gemacht? Wieso? Zeig mir die Fotos.«
    »Ich habe eine vage Idee, wo das sein könnte, aber ich bin mir nicht sicher, schau selbst.«
    »Das ist doch, das ist doch, verdammt, mir fällt der Name nicht mehr ein. Paulina, denk nach.« Sie schimpfte mit sich selbst und ich schickte Nico in die Küche, um sich einen Saft zu holen und uns ebenfalls.
    »Lina«, ich benutzte den Kosenamen, damit wurde sie immer etwas ruhiger. »Ist es da, wo Gerda das erste Haus aufgebaut hatte?«
    »Si! Genau das, aber woher weisst du denn das? Du warst doch damals gar nicht bei uns?«
    »Ich habe zugehört, immer schon. War nur jetzt nicht sicher. Danke Lina, du hast mir sehr geholfen, ich mache mich auf den Weg.«
    Mit einem Kuss auf die Wange verabschiedete ich mich von ihr und ging zu meinem Auto.

    #1655

    Leyla
    Keymaster

    Max dachte einen Moment über das Angebot seines Kollegen nach, dann lehnte er es ab. „Das mit dem Krankschreiben ist nett, aber wenn es rauskommt, haben Sie den Ärger am Hals, das möchte ich nicht. Machen Sie einfach alles für die Entlassung der beiden fertig, das hilft mir schon genug.“
    Dann ging er in das Arztbüro und schrieb zwei Briefe, einen mit einer fristlosen Kündigung und einen Begleitbrief für den Fall, dass der Klinikleiter auf die Idee kam, diese so nicht zu akzeptieren. Rein rechtlich betrachtet bewegte er sich damit auf dünnem Eis, aber er wusste auch, dass der Besitzer des Krankenhauses nicht an einem Skandal interessiert war. Also ließ er ihm die Wahl: Er konnte die Kündigung so akzeptieren und Max würde stillschweigend gehen oder er machte deshalb Probleme und Max würde mit seinen Bedenken an die Öffentlichkeit gehen. Wobei er den Teil mit dem Stillschweigen nur bedingt ernst meinte. Er wollte durchaus, dass es mit den Mauscheleien ein Ende nahm, aber er würde Wege finden, das so zu machen, dass man ihm die Aktionen nicht zuordnen konnte. Der Anfang war ohnehin schon gemacht. Als Max das Büro das um diese Zeit noch leere Büro des Klinikleiters verließ, wo er seine beiden Briefe deutlich sichtbar auf dem Schreibtisch drapiert hatte, kam gerade die Polizei wegen der Sache mit Ferdinand. Sicher würde es Nachforschungen geben, wie so etwas überhaupt passieren konnte.

    Leyla packte gerade die wenigen Sachen zusammen, die sie und Mick im Krankenhaus hatten, als es klopfte. Kerstin gab Bescheid, dass die Polizei da war und gerne kurz mit ihr sprechen würde. Wirklich Lust darauf hatte sie nicht, aber irgendwann würde sie vermutlich so oder so eine Aussage machen müssen, also brachte sie es besser gleich hinter sich. Also erzählte sie, was vorgefallen war, zumindest bis zu dem Punkt, an dem Hunter aufgetaucht war, ab da hielt sie sich an Kerstins Version. Den Polizeibeamten war anzusehen, dass sie die Geschichte ohne jeden Zweifel schluckten, zumal Mick auch bestätigte, dass er nur Kerstin und Leyla in dem Zimmer vorgefunden hatte. Sie verabschiedeten sich mit dem Versprechen, alles daran zu setzen, diesen Kerl zu finden.
    „Glaubst du, sie kriegen ihn? Ist er überhaupt wirklich abgehauen? Hast du was mitbekommen?“
    Mick schüttelte den Kopf. „Nein, ich hab auch nicht mehr mitbekommen als du, ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich um dich zu kümmern.“ So weit, so wahr. Es war eben nur nicht die ganze Wahrheit. Mitbekommen hatte er nichts, denken konnte er sich viel und er wusste zumindest mit Gewissheit, dass dieser Kerl auf keinen Fall geflohen war. Wenn jemand Hunter entkam, dann nur, weil er es so wollte, und warum sollte er das bei so einem Drecksschwein wollen, das sich an vermeintlich wehrlosen Frauen vergriff?
    Leyla seufzte tief. „Es wäre schrecklich, wenn er damit davonkommen würde.“
    Mick musste sich wirklich zusammenreißen, um seine Gedanken nicht mit ihr zu teilen. Er überlegte, was er ihr sagen konnte, damit sie sich besser fühlte. „Ich bin sicher, er wird bekommen, was er verdient – auf die eine oder andere Weise.“
    Es klopfte erneut. Dieses Mal war es Max in Begleitung von Nele. Er hatte zwei Krücken dabei und stellte sie neben Micks Bett ab. Dann hielt er erst ihm und dann Leyla ein Klemmbrett hin, auf dem die Entlassungspapiere befestigt waren, damit die beiden sie leichter unterschreiben konnten. Max brachte die Unterlagen kurz zu seinem Kollegen, dann half er Mick auf. Nele stützte Leyla, die immer noch schwach auf den Beinen war. Gemeinsam verließen sie das Krankenhaus und machten sich auf den Weg zu Hunters Gästehaus.

    ***

    Robert Frei war noch früher im Büro als sonst. Seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Er dachte an drei Gespräche, die er am vergangenen Abend geführt hatte, das am Telefon mit Leyla und die mit Laura und Lena, die er danach geführt hatte. Zu Laura fand er immer noch keinen wirklichen Zugang. Auch dass er keinen weiteren Kontakt mehr mit Leyla pflegen wollte, beschwichtigte sie nur bedingt. Er wollte einfach nicht glauben, dass es ihr wirklich nur ums Geld ging, da musste mehr dahinterstecken. Also hatte er Lena angerufen. Sie war vernünftiger als ihre jüngere Schwester, rationaler, verstand oft mehr als so ziemlich alle anderen und war dabei schonungslos ehrlich. Letzteres sorgte meist dafür, dass ihr Vater ernste Gespräche mit ihr scheute, jetzt wollte er aber ihren Rat. Den bekam er, sogar sehr deutlich, und er schwirrte ihm noch lange im Kopf herum.
    „Was erwartest du? Seit Laura aus dem Alter raus ist, als sie deine kleine Prinzessin war hast du ihr doch auch nur vermittelt, dass sie nix anderes kann als dein Geld auszugeben und jetzt wunderst du dich, dass sie deine Erwartungen erfüllt? Du willst wissen, ob es ihr nur ums Geld geht? Nein, aber das ist doch das Einzige, was sie von dir bekommen kann. Warum sie durchdreht? Kann ich dir sagen. Weil da plötzlich noch eine Tochter ist, die stärker und erfolgreicher und hübscher und was weiß ich noch alles ist als sie. Du willst Ehrlichkeit? Bitte: Ich kenne diese Leyla zwar nicht, aber ich schätze mal sie hat instinktiv eine gute Menschenkenntnis und daher noch viel eher gemerkt als du, dass auf dich kein Verlass ist. Du hattest mal kurz ein bisschen Vatergefühle, toll. Aber wie lange hält das an? Dir gefällt der Gedanke, für eine Weile Superdaddy zu spielen, aber irgendwann lässt das nach, dann sind wieder andere Dinge wichtiger und du würdest sie nur enttäuschen. Ob du doch versuchen sollst, wieder Kontakt mit ihr aufzunehmen? Nein verdammt, erspar ihr das? Was du mit Laura machen sollst? Mal so mit ihr reden, als wäre sie keine totale Versagerin und kein Kleinkind, wenn du das hinbekommst. Sie mal offen fragen, warum sie ist, wie sie ist, warum sie das alles macht. Wenn alles gut läuft, bekommt das Mädel doch nicht die geringste Aufmerksamkeit von dir, war schon immer so. Du warst nie der tolle Vater, als den du dich selber gerne sehen würdest. Denk mal drüber nach. Sorry, wenn das hart klingt, aber du wolltest meine Meinung und du wolltest, dass ich ehrlich bin.“
    Hatte sie vielleicht recht? Insgeheim wusste er, dass es so war, aber er war nicht bereit, sich das einzugestehen und hielt stattdessen gedanklich dagegen, was er alles für seine Töchter getan hatte: Die besten Privatschulen, ein Leben im Luxus, ein mehr als großzügiges Startkapital für das eigene Unternehmen. Sie waren undankbar, und zwar alle. Laura sowieso, der ging es eh nur ums Geld, auch von Lena kein Wort darüber, was er ihnen alles ermöglicht hatte und Leyla wies sein Angebot, sie zumindest finanziell zu versorgen brüsk ab, anstatt sich dafür zu bedanken, dass er ihr ein anderes, ein besseres Leben bot, eines ohne finanzielle Sorgen. Mit diesen Gedanken beruhigte er sich selbst und fühlte sich auch gleich ein wenig besser. Er war vielleicht nicht ohne Fehler, aber er hatte sein Bestes getan. Irgendwo tief in sich drin sagte zwar eine leise, gemeine Stimme, dass er vielleicht doch so manches falsch gemacht hatte, aber er ignorierte sie und lenkte den Fokus auf das Geld, das er in seine Familie investiert hatte, um sie zum Schweigen zu bringen und innerlich wieder ruhiger zu werden.
    Von Ruhe konnte aber keine Rede sein. Gerade als Robert Frei sich einen Kaffee machen wollte, wurde die Tür zu seinem Büro aufgerissen und ein junger, bulliger Mann stürmte mit hochrotem Kopf herein. Kurz darauf stand auch seine Empfangsdame in der Tür. „Es tut mir leid, ich hab ihm gesagt, er kann jetzt nicht zu Ihnen, ich muss ihn erst anmelden, aber er ist einfach an mir vorbei und …“
    „Schon gut, ich komme klar, gehen Sie wieder an die Arbeit. Und machen Sie die Tür von draußen zu.“ Dann widmete er sich dem wütenden Kerl vor sich. „Ich nehme an, es geht um den Vertrag?“ Äußerlich wirkte er ruhiger, als er es tatsächlich war. Dieser Typ machte ihm ziemliche Angst. Er hatte insgeheim mit Ärger gerechnet, aber nicht damit, dass er sein Büro stürmen würde.
    „Du verdammtes Arschloch schmeißt uns raus? Einfach so? Wir haben dir Millionen eingebracht, Millionen!“
    Womit er durchaus recht hatte. Der junge Mann war der Sänger einer Rockband, die richtig heftig durchgestartet war, erst im Inland, dann international. Nur hatte sie sich langsam, aber sicher in eine ungute Richtung entwickelt und zunehmend rechte Stammtischparolen in ihre Texte aufgenommen, was er bei einer Gruppe, die Englisch sang, um international besser landen zu können, insgeheim ziemlich seltsam fand. Er hatte sie gewarnt, es nicht zu übertreiben. Ein bisschen Provokation schürte die Verkäufe, in der Tat hatte der Richtungswechsel den Verkaufszahlen nicht geschadet, eher im Gegenteil. Daher hatte Robert Frei auch weiter an ihnen festgehalten, auch wenn ihm die neue Ausrichtung nicht gefiel. Er war viel zu sehr Geschäftsmann, um einen Goldesel vor die Tür zu setzen, hatte sie aber gewarnt, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten. Sie hatten es dennoch getan, nicht auf einer ihrer CDs, denn da ließ er checken, dass die Botschaften nicht zu extrem wurden, aber bei einem Auftritt. Sie hatten einen Song gesungen, der auf keinem Album und keiner Single zu finden war und sich deutlich klarer rechtsradikal positionierte, als es bei den Titeln der Fall war, die er mit ihnen produziert hatte. Gemeinsam mit seinem Marketing-Experten hatte er beschlossen, den Vertrag zu kündigen und das auch medienwirksam zu kommunizieren. So bewahrte er sein Plattenlabel vor einem massiven Image-Verlust. Einer seiner anderen Stars, eine schillernde Pop-Prinzessin, der für Offenheit und Toleranz stand, hatte bereits mit der Kündigung gedroht. Es war die einzig richtige Entscheidung, die Band vor die Tür zu setzen. Bei den meisten stand er nun einmal mehr als Saubermann dar. Es wurden zwar auch wenige Stimmen laut, die meinten, er hätte sich schon viel früher von der Gruppe trennen müssen, aber das waren wenige. Bei den meisten kam das Signal, die Zusammenarbeit mit der Band zu kündigen, wie erhofft positiv an. Die Pop-Prinzessin hatte ganz spontan eine Single mit einem Pro-Toleranz-Song produziert, die sich hervorragend verkaufte, obwohl der Song ein Schnellschuss und musikalisch betrachtet ziemlich schwach war. Aber die Message kam an. Alles lief zu seiner Zufriedenheit. Abgesehen natürlich von der Tatsache, dass der Sänger der Band nun vor ihm stand und ihn wutschnaubend anbrüllte.
    „Nicht einfach so“, erklärte Robert Frei in beschwichtigendem Tonfall. „Und es tut mir auch leid, aber ich hatte euch gewarnt. Ich muss auch an meine Firma denken.“
    „Ich scheiß auf deine Firma! Du wirfst uns nicht raus, du nicht!“
    Hoffentlich war seine Sekretärin schlau genug, um den Sicherheitsdienst zu rufen. Dieser Kerl machte ihm wirklich Angst.
    „Wir können gerne über eine Abfindung reden.“
    „Glaubst du es geht mir um dein beschissenes Geld?“ Der Kerl warf den Schreibtisch um und packte Robert Frei am Kragen. „Es geht mir ums verfickte Prinzip, du Wichser!“
    Zwei Sicherheitsmänner stürmten mit erhobenen Waffen den Raum. „Lassen Sie sofort den Mann los!“
    „Schon gut, ey, ich lass ihn los.“ Das tat er auch, zumindest für einen Moment. Dann versetzte er ihm einen so kräftigen Stoß, dass die bodentiefe Fensterscheibe in seinem Rücken splitterte. Ein kräftiger Tritt gegen seinen Brustkorb und das Glas zerbrach. Robert Frei ruderte mit den Armen, fand sein Gleichgewicht nicht wieder und fiel elf Stockwerke tief. Er war sofort tot. Das alles ging so schnell, dass die Security es nicht verhindern konnte. Ihr blieb nur noch, den Mann zu überwältigen und die Polizei zu verständigen.

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